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| Die studentischen Mitglieder des Vereins BRS Motorsport mit ihrem neuen Rennwagen Artemis G25e auf der Bühne des Audimax, Campus Sankt Augustin, 23. Mai 2025. Foto: H-BRS/Juri Küstenmacher |
Ein Renner namens Eduard: Motorsportteam der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg stellt neuen Elektro-Rennwagen vor
Das Motorsportteam der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg (H-BRS) hat den neuen Elektro-Rennwagen für die Saison 2026 vorgestellt. Ein Jahr lag haben die Studierenden konstruiert, geschraubt, gelötet und getestet, um mit dem G26e „Eduard“ genannten Modell die bestmöglichen Leistungen auf der Rennstrecke zu erzielen. Sehr viel Entwicklungsarbeit ist in die Aerodynamik geflossen, ein neues Regelwerk machte umfangreiche Anpassungen erforderlich. Und auch die mögliche Zukunft des Rennsports hat die studentische Motorsportgruppe im Blick: Auf dem Weg zum autonomen Fahren ist sie schon weit gekommen.
Es ist mal wieder eng geworden in den Tagen vor dem Präsentationstermin: Buchstäblich bis zur letzten Minute haben die Studierenden an ihrem neuen Rennwagen Hand angelegt, um ihn makellos dem Publikum vorzeigen zu können. Nachtschichten sind die Mitglieder der studentischen Motorsportgruppe indes gewohnt. Während der heißen Phase des Chassisbaus haben sie im Vier-Schicht-Modell gearbeitet, um die Karosserie aus Carbon, Klebefilm und Aluminiumwaben Lage für Lage aufzubauen. Seit etwa einem Jahr arbeitet die Gruppe an dem komplett in Handarbeit gefertigten Einzelstück. Geschätzte 30.000 Arbeitsstunden haben sie mit der computergestützten Konstruktion, dem Zusammenbau und dem Testen der Komponenten verbracht.
Es ist der zwölfte elektrische Formel-Rennwagen, den Studierende mit Unterstützung der Hochschule gebaut haben. Für jede Saison bauen die im Verein BRS Motorsport organisierten Studierenden ein neues Auto, um damit an den Rennen der internationalen Formula-Student-Klasse teilzunehmen. Der Verein steht allen Fachbereichen offen, aktuell zählt er rund 60 Mitglieder.
Bei einer Feierstunde im Audimax auf dem Campus Sankt Augustin haben die Studierenden am Freitag das neue Modell der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Renner mit dem Beinamen „Eduard“ verfügt über vier Elektromotoren mit insgesamt 80 Kilowatt Leistung, die ihn in 2,3 Sekunden auf 100 Kilometer pro Stunde beschleunigen sollen. Der Beschleunigungswert für den G26e, wie er offiziell heißt, entstammt den umfangreichen Simulationen, die die Studierenden mit Hilfe von Großrechnern der Hochschule durchgeführt haben. Die tatsächlichen Werte gilt es nun in den Testfahrten zu ermitteln. Dafür dürfen sie die 800 Meter lange Asphaltpiste des nahe gelegenen Verkehrslandeplatzes Hangelar nutzen.
Die studentischen Tüftler haben sich vom Fahrwerk über die Lenkung, die Kühlung, die Bremsen und den Akku bis zur Software jedes Detail vorgenommen, um noch bessere Leistungen auf der Rennstrecke zu erreichen. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Aerodynamik. Bereits beim Vorgängermodell hatten die Studierenden auf sogenannte dreidimensionale Geometrien gesetzt. Die verschiedenen Flügel am Auto sind nicht als gerade Flächen ausgeführt, sondern zeigen kurvige Formen. Bei der Fertigung stellt das besonders hohe Ansprüche, aber die Aerodynamik wird dadurch deutlich verbessert. Um in der bevorstehenden Saison mitfahren zu können, mussten umfangreiche Änderungen vorgenommen werden. Denn ein neues Regelwerk setzt den Dimensionen der aerodynamischen Anbauteile engere Grenzen. Vor allem der Heckflügel musste konstruktiv überarbeitet werden, um regelkonform und gleichzeitig hochwirksam zu sein.
„Mit dem G26e knüpfen wir an unser mechanisches Konzept aus dem letzten Jahr an, beseitigen kleine Schwachpunkte, optimieren Komponenten und setzen auf ein überarbeitetes Aero-Paket“, sagt Fabienne Senge, Studentin der Nachhaltigen Ingenieurwissenschaften und Technische Leiterin. „Dazu findet aktuell viel Wissenstransfer statt. Bachelorarbeiten, neue Fahrzeugentwicklungen sowie das gezielte Anlernen der vielen neuen Teammitglieder haben ein eng zusammengewachsenes Team geschaffen, das uns den Erfolg für die nächsten Jahre sichern soll. Der G26e ist jetzt bereit für die Rennstrecke.“
Die Liste der neuen oder überarbeiteten Baugruppen und Komponenten bei dem G26e-Renner ist lang. So hat etwa eine spezialisierte Arbeitsgruppe ein neues, wirkungsgradoptimiertes Getriebe entwickelt. Die Studierenden haben dafür große Mengen von Daten aus dem Rennbetrieb ausgewertet, die ihnen gezeigt haben, in welchen Drehzahl- und Lastbereichen sich der Rennwagen in den unterschiedlichen Situationen tatsächlich bewegt. Außerdem ist es ihnen gelungen, das Gewicht des Getriebes an jedem der vier angetriebenen Räder um etwa 1,5 Kilogramm zu reduzieren. Bei einem nur rund 200 Kilogramm schweren Rennwagen wirken sich die fehlenden Kilos spürbar auf die Fahrdynamik aus.
Eine andere Arbeitsgruppe hat ein neues Batterie-Management-System entworfen und angefertigt – für ein Elektrofahrzeug eines der zentralen Sicherheitssysteme. Das System sorgt dafür, dass einzelne Zellen des Hochvolt-Akkus gezielt entladen werden, um Spannungsunterschiede auszugleichen. Außerdem verfügt es über 32 Sensoren, die die Zelltemperaturen überwachen. Auch die für das Chassis verantwortliche Arbeitsgruppe hat ganze Arbeit geleistet und den Lagenaufbau des Carbonlaminats neu konzipiert. So haben die Studierenden die Ausrichtung der Fasern des Verbundwerkstoffes abgeändert, sodass sich die Belastungen der Struktur besser verteilen.
Erste Hinweise, ob sich die zahlreichen Neuerungen und Detailverbesserungen auszahlen werden, werden die Testfahrten zeigen, mit denen die studentischen Motorsportler unmittelbar nach der öffentlichen Präsentation beginnen wollen. Ernst wird es dann für die Studentinnen und Studenten und ihren G26e bei dem ersten internationalen Rennen der Saison im Juli in Tschechien. Der Wettbewerb gilt als besonders anspruchsvoll, die erste Liga der europäischen Hochschulen ist dort vertreten.
„Nach einem Jahr Entwicklung, Meetings und einer intensiven Fertigungsphase bin ich stolz darauf, was wir als gesamtes Team geleistet haben. Wir freuen uns, als Team in Tschechien und Frankreich erneut anzugreifen. In den letzten Jahren haben wir dort bereits gute Erfahrungen gesammelt“, sagt Teamleiter Bernhard Winkelhake, Informatik-Student im 6. Semester.
Ihr Know-how bei Elektronik und Software nutzen die Studierenden auch, um technische Lösungen für das autonome Fahren zu entwickeln. Ihr Ziel: ein Fahrzeug, das ohne Fahrer/Fahrerin die Rennstrecke meistert. Auf dem Weg dorthin sind sie schon weit gekommen. So arbeiten die komplexen laser-basierten Sensoren, die das Auto bei der Navigation leiten, sehr zuverlässig. Bei der Lokalisierung und Kartierung der Strecke setzen die studentischen Tüftler auf einen speziellen Algorithmus, der es dem Fahrzeug ermöglicht, sich in einer unbekannten Umgebung zu lokalisieren und gleichzeitig eine präzise Karte der Strecke zu erstellen. Eine große Herausforderung stellen aktuell die Bremsen dar, die ohne Tritte auf das Pedal auskommen müssen.
In der bevorstehenden Saison indes wird ein/e menschliche/r Fahrer/in am Steuer des G26e sitzen. Die Studierenden sehen sich damit bestens gewappnet für die Wettbewerbe, bei denen sie sich mit den besten europäischen Teams der Formula Student messen werden. Den Auftakt bildet das Rennen vom 19. bis 24. Juli in Most in Tschechien. Die kurvenreiche Strecke dort ist für das Team von BRS Motorsport mit aufregenden Erinnerungen verbunden: Das Team holte sich dort 2023 in der prestigeträchtigen „Engineering Design“-Kategorie den ersten Platz und Platz zwei in der Kategorie „Cost and Manufacturing“. Nach dem Rennen in Tschechien steht für das junge Team von BRS Motorsport ab dem 24. August der Wettbewerb in Lyon in Frankreich auf dem Programm.
Etwa 30 Teammitglieder werden jeweils mitsamt dem Rennwagen und umfangreicher Ausrüstung zu den mehrtägigen Rennen reisen, entsprechend aufwändig ist die Logistik. Für die Studierenden ist es eine Herzensangelegenheit, in die sie zahllose Stunden ihrer Freizeit investieren. Kosten fallen dennoch an, wobei der größte Posten auf den Bau des Rennwagens entfällt. Zwar unterstützt die Hochschule das Team, aber ohne externe Unterstützer wäre dieser Aufwand für die Studierenden nicht zu leisten.
Severin Hudelmayer, BWL-Student und Verantwortlicher für das Sponsoring, sagt daher: „Unser Projekt wäre ohne die Unterstützung unserer Partner und Sponsoren nicht realisierbar. Wir freuen uns sehr, dass wir neben langjährigen Partnern auch einige neue Partner gewinnen konnten. Jede helfende Hand, jeder Sponsor, jede Unterstützerin und jeder Unterstützer trägt zu dem Erfolg dieser Saison bei.“
Aus Sicht von Professor Dirk Reith, der als Faculty Advisor das Projekt an der Hochschule betreut, ist eine Besonderheit die Verankerung des Rennwagenbaus im Studienangebot der Hochschule: „Durch die Einbindung des Teams in die Lehre können wir Wahlfächer und Projekte direkt auf die Arbeit des Teams zuschneiden, teilweise sogar fachbereichsübergreifend. So können wir viel Theorie-Wissen sofort in einen Praxiskontext setzen und nutzen.“
INFO
Die Studierenden von BRS Motorsport entwickeln auf dem Campus Sankt Augustin für jede Rennsaison einen neuen Rennwagen, gebaut wird er in ihrer Werkstatt in Siegburg. Die Gruppe besteht seit 2007 und nimmt regelmäßig an der Formula Student in Europa teil. Seit 2014 baut sie ausschließlich elektrisch angetriebene Wagen. Aktuell hat das Team 60 Mitglieder, die aus allen Fachbereichen der Hochschule kommen. Die Mitarbeit in der interdisziplinären Motorsport-Gruppe ist eingebettet in das Lehrangebot der Hochschule und wird betreut von Professor Dirk Reith. Die Entwicklung und der Bau des Rennwagens werden von Sponsoren unterstützt.
G26e: Fakten
- Aufbau: Full-Carbon-Monocoque mit einem Sandwichaufbau aus Carbon und Aluminiumwaben
- Gewichtsreduktion durch optimierte Fertigungsverfahren wie 3D-Druck von Metallen, CNC-Fräsen und Drehen sowie Verwendung von Faserverbundswerkstoffen
- Höchstgeschwindigkeit: zirka 120 km/h
- Beschleunigung (0-100 km/h): zirka 2,3 Sek.
- Gewicht: zirka 200 kg
- Leistung: 80 KW, Allradantrieb (ein Motor pro Rad)
- Spannung: 600 Volt
