Sonntag, 25. Oktober 2026

Offener Brief am Bundeskanzler Merz

Offener Brief am Bundeskanzler Merz

Sie Herr Bundeskanzler sprachen über Probleme im „Stadtbild“. Sie sagten bei einer Befragung zur Migrationspolitik im Oktober 2025: „Fragen Sie mal Ihre Töchter, ob es nach Einbruch der Dunkelheit im Stadtbild Probleme gebe.“

Unter #WirSindDieTöchter Prangerten zahlreiche Frauen, Initiativen und Politikerinnen die Instrumentalisierung ihrer Lebensrealität durch Sie.

2025 richteten prominente Frauen einen offenen Brief an Sie und forderten besseren Schutz vor häuslicher und sexualisierter Gewalt statt pauschaler Debatten über Migration. Bei den Erstunterzeichnerinnen, waren Luisa Neubauer, Ricarda Lang, die Sängerin Joy Denalane, die Ökonomin Isabella Weber, die Autorin Alice Hasters und die Soziologin Jutta Allmendinger.

#WirSindDieTöchter sammelte Hunderttausende Unterschriften zu: „Wir sind die Töchter, deren Freund*innen die Frauen aus dem sicheren Leben gerissen und abgeschoben wurden.“ Sie forderten Femizide als spezifischen Straftatbestand anzuerkennen. Sie forderten ein aktives Vorgehen gegen Rassismus und den Schutz von Frauen mit und ohne Migrationsgeschichte.

Sie sollten dafür sorgen, dass mehr Frauenhäuser bebaut werden. In Deutschland fehlen laut der Frauenhauskoordinierung e. V. (FHK) fast 12.000 Plätze in den Frauenhäusern. Es soll Sorge dafür getragen werden, dass die Frauen vor Gericht ihr Recht bekommen. Ihnen geglaubt wird, wenn sie Männer der Vergewaltigung bezichtigen, und nicht unterstellt wird, sie hätten die Vergewaltigung provoziert. Migrantinnen müssten oft bei ihren gewalttätigen Männern bleiben, da sie sonst abgeschoben werden.

Sie sollen den Chef der deutschen ICE-Truppe Alexander Dobrindt entlassen, statt ihn für erfolgreiche Abschiebungen zu belobigen.

Bisher ging es um Schicksale, die einzelne betreffen, wenn auch oft sehr schreckliche. Die heranbrausende Klimakatastrophe wird alle Menschen treffen – Frauen wie Männer, Junge wie Alte. Einen Vorgeschmack haben Sie, Herr Bundeskanzler, 2026 erlebt, selbst wenn Ihnen, wie ich ahne, das gar nicht bewußt ist. 2026 gab es in Europa nie dagewesene Waldbrände in Frankreich, Griechenland, Italien, Portugal und Spanien. Nordafrika und Mitteleuropa waren, wenn auch schwächer, betroffen.

In Europa wurde mehr als eine Million Hektar Waldfläche von den Bränden verwüstet. Eine Million Hektar sind zehntausend Quadratkilometer. Das entspricht viermal der Fläche des Saarlandes. Oder ein zwei Kilometer breiter Streifen zwischen Köln und Berlin. Weltweit gab es noch bedeutend mehr Brände. Sie Herr Bundeskanzler, sollten verstehen, dass die verbrannten Waldflächen keine CO₂-Senken, sondern CO₂-Quellen sind, Das befeuert zukünftige Brände. Sie werden häufiger und stärker ausfallen.

Ursache der Brände 2026 war die Sommerhitze, die schon im Frühjahr begann und die auf den galloppierenden Klimawandel zurückzuführen ist. Die ungewöhnlich hohe Temperatur des Mittelmeeres ist auch auf den Klimawandel zurückzuführen. Nach den Waldbränden im Sommer erlebt Katalonien mit der Hauptstadt Barcelona an wenigen Tagen Überschwemmungen mit Regenmengen, die sonst in zwei Jahren fallen. Die entstandenen Schäden an Infrastruktur und Sachwerten sind enorm. Das ganze Ausmaß zu bestimmen, wird noch eine Weile dauern. Weitere Folgen der galoppierenden Klimakatastrophe eher in Kurzform: Auftauen der Permafrostböden sorgt in den arktischen Gebieten rund um den Globus dafür, dass ungeheure Mengen an Methan in die Atmosphäre entlassen werden. Methan ist über 20 Jahre rund 80- bis 84-mal, über 100 Jahre rund 28-mal so stark wie CO₂.

Auftauender Permafrost birgt die Gefahr von Bergstürzen wie Blatten in der Schweiz im Mai 2025. Auch Sturzfluten mit großen Schlamm- und Geröllmassen wie im August 2026 im Grenzgebiet zwischen Nepal und Tibet (China).

Die galoppierende Klimakatastrophe hat die Zerstörung der Lebensgrundlagen mit Hunger und Wassermangel zu Folge. Die Menschen in den zuerst betroffenen Regionen werden zur Migration gezwungen werden. Aber nicht nur die Menschen migrieren, auch Pflanzen, Tiere, Bakterien und Pilze, mit unabsehbaren Folgen für die Ökosysteme. Der Mensch ist Teil davon.

Die Meere werden sich weiter erwärmen. Das führt zu verstärkten Regenfluten an Land, gefährlicheren Stürmen, Störung der Meeresströmungen, Korallensterben u. a. mit negativen Folgen für Menge und Zusammensetzung der Fischbestände.

Das Gesagte deckt bei weitem nicht alle Folgen der galoppierenden Klimakatastrophe ab. Es soll aber mal reichen.

Ich will behaupten, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, in Zukunft werden Ihre Töchter sich weniger vor Migranten fürchten als vor den globalen klimabedingten Katastrophen. Ihre beiden Töchter und mehr noch Ihre sieben Enkel werden Sie fragen, ob Sie Ihren politischen Beitrag zur Begrenzung des Klimawandels geleistet haben. Wenn Sie ja sagen, werden Sie von Ihren Töchtern und Enkeln zurecht der Lüge bezichtigen. Für eine gute Politik müssten Sie nicht einmal verstehen, wie und mit welchen Modellen die Wissenschaft das Klima und seine Abhängigkeit von den unterschiedlichsten Parametern erklärt. Politik muss nur den simplen Zusammenhang kennen: Steigt die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre, steigt ihre Temperatur. Die der Natur nimmt Schaden und die Menschen als Teil von ihr.

Wie gesagt, brauchen Politiker wie Sie keine Details zu wissen. Die Prinzipien und das sollten ihnen schlaflose Nächte bereiten. Auch weil der Sommer 2026 der tödlichste Hitzesommer in europäischen Städten seit Beginn der Aufzeichnungen war. Rund 50.000 Menschen starben an den Folgen extremer Temperaturen. Ohne die gallopierende Klimakatastrophe hätten 33.000 noch leben können. In Deutschland erlagen 16.000 Menschen dem Hitzetod. Dramatisch war die Hitzewelle Ende Juni, die innerhalb einer Woche mehr als 4.300 Todesfälle forderte.

Das Übereinkommen von Paris ist ein völkerrechtlich verbindlicher Weltklimavertrag, der am 12. Dezember 2015 auf der UN-Klimakonferenz von 195 Staaten beschlossen wurde. Das Ziel ist es, die weltweite Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius, möglichst auf 1,5 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter (1850–1900) zu begrenzen. Bei 1,5 Grad liegt es derzeit schon. Nach dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) steuert die Erde bis 2100 auf 2,8 Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit zu, sofern die aktuelle globale Klimapolitik unverändert bleibt.

Was treibt Sie an, sehr geehrter Herr Bundeskanzler? Könnte das der Hass auf Robert Habeck sein, den ehemaligen Vizekanzler und Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz?

Sie machen, was Habeck nie wollte: Öl und Gas im Heizkeller wieder möglich zu machen. Ihre letzte Klimagroßtat ist das Aus von "Verbrenneraus".

Sie haben eine Frau zur Wirtschaftsministerin gemacht, die sehr effektive Lobbyistin für Öl und Gas betreibt und eine Antilobbyistin für alternative Energieumwandlung ist. Ich nehme an, ihre Töchter und Enkel werden fragen: Warum?

Wissen Sie, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, was das Schlimmste für mich persönlich und wohl für jeden vernünftig denkenden Menschen in Deutschland ist? Hoffen zu müssen, dass sie und ihre klimaschädliche Ministerriege bis zum Ende der Legislaturperioden nicht scheitern. Sonst kommt eine klimapolitisch noch schädlichere Alternative für Deutschland an die Macht.

Peter Schürkes