Auf „Der letzte Jude in Winniza“ wurde ich im Juni 26 durch den WDR5 aufmerksam.
„Der letzte Jude in Winniza“ bezeichnet keine Person, es ist der Titel einer weltbekannten Schwarz-Weiß-Fotografie aus dem Holocaust. Das Bild zeigt einen dünnen namenlosen Mann, bekleidet mit einem langen dunklen Mantel und weißem Hemd. Er kniet vor einem offenen Massengrab, in dem schon viele erschossene Personen liegen. Der Mann blickt in die Kamera. Ein Mann steht hinter ihm, seine Pistole zielt auf seinen Kopf, er trägt eine Uniform, deren Abzeichen ihn als SS-Unterführer ausweist. Hinter den beiden stehen Wehrmachtssoldaten, ein Polizist und Angehörige des Reichsarbeitsdienstes und schauen zu. Sie betrachten die Szene unbeteiligt, gleichgültig. Die Exekution fand am 28. Juli 1941 statt, nur wenige Wochen nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht und der SS-Einsatzgruppen in die Ukraine. Einsatzgruppen bestanden aus Sicherheitspolizei und SD, sie waren mobile, paramilitärische Sondereinheiten des NS-Regimes. Sie waren dem Reichssicherheitshauptamt unterstellt. Beim Überfall auf die Sowjetunion 1941 umfassten sie insgesamt etwa 3.000 Mann.
Das Foto war schon länger bekannt und wurde 1961 während des Eichmann-Prozesses in Jerusalem einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Ein Holocaust-Überlebender hatte es eingereicht.
Historiker konnten nach jahrzehntelangen Untersuchungen Täter, Datum und Ort angeben. Der Täter ist der SS-Mann Jakobus Onnen (1906–1943) ehemaliger Lehrer aus der Stadt Weener in Ostfriesland. Die Identifizierung gelang mithilfe von KI-gestützter Gesichtserkennung. Der Mord wurde am 28. Juli 1941 verübt. Der Tatort ist nicht Winnyzja, sondern die ukrainische Stadt Berdytschiw, etwa 70 km nördlich von Winnyzja. In ihrer Zitadelle war im Sommer 1941 Schauplatz zahlreicher Hinrichtungen ukrainischer Juden.
Nachdem feststand, Jakobus Onnen stamme aus Weener, berichteten lokale und überregionale Medien darüber. In der Stadt fanden Diskussionen zur deutschen Erinnerungskultur statt. Die Frage: Wie geht man mit den Namen von Kriegsverbrechern um? In Weener war man sich einig, der Name des NS-Verbrechers solle in Zukunft nicht mehr auf dem Ehrenmal zu lesen sein. Ein QR-Code informiert Besucher zur Person von Jakobus Onnen.
https://www.mdr.de/podcasts/ns-cliquen/ns-cliquen-holocaust-einsatzgruppen-ukraine-jakobus-onnen,audio-3329946.html
Peter Schürkes
