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| Dr. Tanja Köhler ist Professorin für digitalen Journalismus und audiovisuelle Medien an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Foto: Annika Fußwinkel |
„Soziale Herkunft entscheidet mit darüber, wer Zugang zum Journalismus erhält“
H-BRS Aktuell mit Professorin Tanja Köhler über Klassismus im Journalismus
Wie prägt die soziale Herkunft journalistische Karrierewege und was bedeutet das für die Vielfalt in den Medien? In ihrer Studie „Klassismus im Journalismus“ hat H-BRS-Professorin Dr. Tanja Köhler gemeinsam mit Co-Autorin Dr. Julia Lönnendonker erstmals diese bislang in Forschung und Praxis vernachlässigte Diversitätsdimension beim Mediennachwuchs umfassend untersucht. „Wenn in Redaktionen überwiegend Menschen mit ähnlichen Herkunftserfahrungen arbeiten, besteht die Gefahr, dass bestimmte Lebensrealitäten und Sichtweisen weniger wahrgenommen werden“, sagt die Journalismus-Professorin. Im Interview spricht sie über die Ergebnisse ihrer Studie, deren gesellschaftspolitische Dimension und Herausforderungen für die Medienpraxis.
Frau Professorin Köhler, Sie haben eine Studie zum Thema „Klassismus im Journalismus“ verfasst. Was versteht man unter Klassismus?
Professorin Tanja Köhler: Klassismus bezeichnet die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft oder ihres sozialen Status. Klassismus ist daher eine Diskriminierungsform wie Sexismus oder Rassismus, allerdings bezogen auf die soziale Zugehörigkeit. Dabei zeigt sich Klassismus in allen gesellschaftlichen Bereichen. Das Bildungssystem ist dafür ein gutes Beispiel. Die Chancen auf Abitur und Studium hängen in Deutschland nach wie vor stark davon ab, aus welchem Elternhaus jemand kommt. Solche Ungleichheiten setzen sich später auf dem Arbeitsmarkt fort, und, wie unsere Studie zeigt, auch beim Zugang zum Journalismus. Im Journalismus zeigt sich Klassismus auf zwei Ebenen: zum einen darin, wer überhaupt Zugang zum Beruf erhält und zum anderen in der Berichterstattung, etwa wenn Menschen aus weniger privilegierten Verhältnissen darin kaum vorkommen oder ihre Lebensrealitäten überwiegend stereotyp oder abwertend dargestellt werden.
Wie sind Sie bei Ihrer Studie vorgegangen?
Köhler: Wir haben uns zunächst die Frage gestellt, aus welchen sozialen Herkunftsgruppen Volontär:innen und Journalistenschüler:innen in Deutschland stammen. Wir wollten dabei bewusst den journalistischen Nachwuchs untersuchen, weil Volontariate und Journalistenschulen zu den wichtigsten Ausbildungswegen in den Journalismus gehören und sich genau hier entscheidet, wer langfristig Zugang zum Beruf erhält.
In einem ersten Schritt haben wir sehr aufwendig recherchiert, wie viele Nachwuchsjournalist:innen derzeit überhaupt in größeren deutschen Medienhäusern und Journalistenschulen ausgebildet werden. Dabei kamen wir auf eine Grundgesamtheit von 979 Personen. Anschließend haben wir im Herbst 2024 eine standardisierte Online-Befragung durchgeführt. Insgesamt nahmen 250 Nachwuchsjournalist:innen teil, darunter 180 Volontär:innen und 70 Journalistenschüler:innen.
In der Befragung ging es um unterschliche Aspekte: unter anderem um Ressourcen, die für den Einstieg in den Journalismus wichtig sein können, um das journalistische Rollenverständnis und natürlich um die soziale Herkunft. Diese haben wir anhand verschiedener Indikatoren erfasst, unter anderem über die Bildungsherkunft der Eltern. Dabei unterscheiden wir zwischen Akademiker-Kindern, bei denen mindestens ein Elternteil einen Hochschulabschluss hat, und Nicht-Akademiker-Kindern.
Was sind die Ergebnisse der Studie?
Köhler: Das zentrale Ergebnis lautet: Der Zugang zum Journalismus ist wenig sozial durchlässig. Das heißt: Soziale Herkunft entscheidet mit darüber, wer Zugang zum Journalismus erhält. Mehr als die Hälfte der Volontär:innen und rund zwei Drittel der Journalistenschüler:innen stammen aus akademischen Elternhäusern. Während in der vergleichbaren jungen Gesamtbevölkerung 72 Prozent aus Nicht-Akademikerhaushalten stammen, sind es unter den Volontär:innen nur 47,7 Prozent und unter den Journalistenschüler:innen sogar nur 34,8 Prozent.
Gleichzeitig haben wir uns auch den Bildungshintergrund der Befragten angeschaut. Dabei zeigt sich eine starke Bildungsselektion. Fast alle Befragten haben Abitur und über 90 Prozent haben eine Hochschule besucht. Nur ein ganz kleiner Anteil hat nicht studiert. Damit wirkt die soziale Selektion des Bildungssystems bis in den Journalismus hinein. Denn wir wissen aus vielen Studien, dass die Aufnahme eines Studiums eng mit der Bildungsherkunft der Eltern zusammenhängt. Zur Veranschaulichung: Von 100 Akademikerkindern nehmen 78 ein Studium auf, bei Familien, in denen kein Elternteil einen Hochschulabschluss hat, sind es nur 25. Und in Familien, in denen kein Elternteil eine Berufsausbildung hat, sind es sogar nur acht.
Nachwuchsjournalist:innen aus nicht-akademischen Familien verfügen zudem seltener über hilfreiche Netzwerke, können weniger häufig auf finanzielle Unterstützung ihrer Eltern zurückgreifen und nennen finanzielle Einschränkungen häufiger als Hindernis für journalistische Praktika.
Wie erklären Sie sich diese fehlende Diversität und was bedeutet das für den Journalismus
Köhler: Diversität ist seit vielen Jahren ein wichtiges Thema im Journalismus. Medienhäuser und Journalistenschulen bekennen sich zu Diversität und inzwischen auch zu sozialer Vielfalt. Sie haben auf Forderungen nach mehr Diversität gezielt ihre Rekrutierungsprozesse angepasst. So ist ein Hochschulabschluss in vielen Fällen gar kein formales Zulassungskriterium mehr. Und trotzdem schaffen es am Ende vor allem diejenigen in die journalistische Ausbildung, die selbst studiert haben und zugleich aus einem akademischen Elternhaus stammen. Unsere Ergebnisse zeigen also eine deutliche Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Warum ist das so?
Köhler: Dafür gibt es unterschiedliche Erklärungen. Unsere Ergebnisse zeigen zunächst, dass die Ausgangsbedingungen für den Berufseinstieg sozial ungleich verteilt sind. Nachwuchsjournalist:innen aus nicht-akademischen Elternhäusern können seltener auf finanzielle Unterstützung und hilfreiche berufliche Netzwerke zurückgreifen.
Ein weiteres Problem könnte sein, dass soziale Herkunft im Rekrutierungsprozess bislang kaum systematisch erfasst wird. Meine Vermutung ist, dass viele Medienhäuser unsicher sind, welche Kriterien sich dafür überhaupt eignen.
Aus anderen Studien wissen wir außerdem, dass in Auswahlverfahren häufig soziale Ähnlichkeiten belohnt werden, etwa hinsichtlich sprachlicher Ausdrucksweise oder ein bildungsbürgerlicher Habitus. Ein solcher Habitus wird wesentlich durch Familie und soziales Umfeld geprägt. Wenn Auswahlverfahren unbewusst diejenigen bevorzugen, die den bereits Beschäftigen ähneln, können auch vermeintlich neutrale Auswahlkriterien soziale Ungleichheiten reproduzieren.
Das ist nicht nur mit Blick auf Chancengerechtigkeit problematisch, sondern kann auch Auswirkungen auf die Perspektivenvielfalt im Journalismus haben.
Die Frage, wer Medien macht, hat also auch eine gesellschaftspolitische Dimension …
Köhler: Absolut. Journalismus soll gesellschaftliche Wirklichkeit in ihrer Vielfalt abbilden, unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen und Menschen in die Lage versetzen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Damit erfüllt er eine zentrale demokratische Funktion. Soziale Herkunft prägt unsere Erfahrungen und unseren Blick auf die Welt. Wenn in Redaktionen überwiegend Menschen mit ähnlichen Herkunftserfahrungen arbeiten, besteht die Gefahr, dass bestimmte Lebensrealitäten, Themen und Sichtweisen weniger wahrgenommen oder anders behandelt werden. Und das berührt auch die Frage des Vertrauens. Wir wissen aus anderen Untersuchungen, dass sich ein Teil der Bevölkerung in der Themenauswahl und im Meinungsspektrum der Medien nicht ausreichend repräsentiert sieht und dass das Medienvertrauen mit sinkendem Bildungsniveau tendenziell abnimmt. Deshalb ist soziale Vielfalt im Journalismus für mich nicht nur eine Frage von Fairness und Teilhabe, sondern auch von Perspektivenvielfalt und gesellschaftlicher Repräsentation.
Welche Empfehlungen leiten Sie aus Ihrer Studie ab?
Köhler: Unsere Ergebnisse zeigen, dass soziale Herkunft ein blinder Fleck im Rekrutierungsprozess ist. Der erste Schritt muss deshalb sein, diesen blinden Fleck sichtbar zu machen. Deshalb halte ich es für wichtig, soziale Herkunft im Bewerbungsprozess systematisch zu erfassen. Denn solange Medienhäuser nicht wissen, aus welchen sozialen Gruppen ihre Bewerber:innen und Beschäftigten stammen, können sie auch nicht erkennen, an welcher Stelle im Rekrutierungsprozess Menschen verloren gehen.
Gleichzeitig müssen die konkreten Zugangshürden überprüft werden. Deshalb empfehlen wir ausreichend vergütete Praktika, Stipendien und Förderprogramme für Menschen aus weniger privilegierten Verhältnissen. Außerdem sollten Mitarbeitende, die über Einstellungen und Ausbildungsplätze entscheiden, stärker für Klassismus sensibilisiert werden, beispielsweise über verpflichtende Fortbildungen.
Und wir empfehlen, über zeitlich befristete Quoten für Menschen aus weniger privilegierten sozialen Verhältnissen nachzudenken. Denn strukturelle Benachteiligung verschwindet nicht allein dadurch, dass man sich zu Diversität bekennt.
Sie forschen an der H-BRS zu den Themen soziale Ungleichheit im Journalismus sowie Diversität und Teilhabe in medialen Öffentlichkeiten. Wie erleben Sie die Debatte über Klassismus?
Köhler: Ich habe den Eindruck, dass das Bewusstsein für Klassismus wächst, wenn auch sehr langsam. Über soziale Herkunft wird heute mehr gesprochen als noch vor einigen Jahren. Im Journalismus erhält sie aber gegenüber anderen Diversitätsdimensionen weiterhin weniger Aufmerksamkeit.
Wo besteht weiterer Forschungsbedarf?
Köhler: Wir brauchen zunächst regelmäßige Daten darüber, wie sich der Journalismus sozial zusammensetzt. Unsere Untersuchung ist eine Momentaufnahme des journalistischen Nachwuchses, mit der wir keine Entwicklung über die Zeit nachweisen können. Wir wissen auch zu wenig darüber, wie sich die soziale Herkunft der Journalist:innen, die bereits im Beruf sind, heute darstellt. Die vorliegenden Erkenntnisse dazu sind zum Teil über 20 Jahre alt.
Die vielleicht spannendste Frage geht aber noch einen Schritt weiter: Was bedeutet die soziale Zusammensetzung einer Redaktion tatsächlich für den Journalismus, der dort entsteht? Verändert eine sozial vielfältigere Redaktion die Themenauswahl? Kommen andere Quellen und Protagonist:innen vor? Werden soziale Ungleichheit und Armut anders dargestellt? Und erreichen solche Angebote möglicherweise auch Bevölkerungsgruppen besser, die sich von etablierten Medien bislang weniger repräsentiert fühlen?
Die Studie von Tanja Köhler und Julia Lönnendonker ist unter dem Titel „Klassismus im Journalismus. Wie soziale Herkunft journalistische Karrierewege prägt“ im Herbert von Halem Verlag erschienen. Sie ist als Open-Access-Publikation online verfügbar unter: https://www.halem-verlag.de/produkt/klassismus-im-journalismus/
