Coronomester: Fazit zum Sommer- und Ausblick auf das Wintersemester

Es ist die Zeit zwischen den Jahren. Nicht die zwischen Weihnachten und Neujahr, sondern die zwischen zwei Studienjahren, zwischen Sommer- und Wintersemester. Vielleicht auch zwischen der ersten und einer zweiten Coronawelle, wobei die erste Forschung und Lehre ordentlich durcheinandergewirbelt hat. In kürzester Zeit wurden Videos und Online-Vorlesungen konzipiert, um den Ausfall der gewohnten Präsenzveranstaltungen zu ersetzen. "Es hat besser geklappt als gedacht, war aber insgesamt sehr anstrengend und unpersönlich", war der Tenor einer nicht-repräsentativen Umfrage unter Professorinnen, Professoren und Lehrkräften für besondere Aufgaben der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg (H-BRS). Ein deutlich höherer Zeitaufwand für die Vorbereitung von Lehrveranstaltungen und die Betreuung von Studierenden wurde ebenfalls festgestellt. Fürs Wintersemester sieht sich das Lehrpersonal gerüstet, wünscht sich aber - und explizit auch für die Studierenden - so viele Präsenzveranstaltungen wie möglich.

Fachlich verliefen die Lehrveranstaltungen im "Coronomester", wie das Sommersemester teils scherzhaft genannt wird, erstaunlich reibungslos. Lehrende berichteten, dass zu Beginn der Vorlesungszeit mehr Studierende teilnahmen als sonst in Präsenz üblich, im Lauf des Semesters ging ihre Zahl aber zurück. Es wurde gemutmaßt, ob diese Entwicklung auf die behördlichen Corona-Schutzmaßnahmen zurückzuführen sein könnte: Während des Lockdowns gab es kaum Ablenkung vom Studium, im Zuge der Lockerungen nahmen die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung als Alternative zum Studium etwas zu.

Die Organisation von sogenannten asynchronen Lehrveranstaltungen ist viel aufwendiger als die Durchführung von Live-Veranstaltungen. Asynchron bedeutet unter anderem das Bereitstellen von Aufzeichnungen, die Produktion von Lehrvideos, die Planung von Videobesprechungen, -Übungen oder -Praktika. Das digitale Format erfordert darüber hinaus eine andere didaktische Herangehensweise: idealerweise als "Flipped Classroom"-Format, in dem Lehrinhalte von den Studierenden zunächst selbstständig erarbeitet und anschließend in der Gruppe mit dem Dozenten diskutiert werden. Für den unmittelbaren Austausch mit den Studierenden standen Konferenzsysteme zur Verfügung. Darüber konnten Live-Vorlesungen "vom Küchentisch aus" gehalten werden. Diese liefen in der Regel sehr effizient ab, die Technik dafür war höchst selten ein Problem "Die IT musste uns über Nacht mit Lösungen versorgen und ist dabei über sich selbst hinausgewachsen", hieß es lobend.

Dennoch stellten einige Professoren fest, dass im Nachgang zu Veranstaltungen speziell in technischen Fächern noch viel zusätzliche Kommunikation über E-Mail erforderlich war, um letztlich alle Fragen zu klären.

Die Produktion eines Lehrvideos beansprucht schnell ein bis zwei Arbeitstage. Die Kurse auf der Lernplattform LEA müssen gepflegt werden, die dort abgelegten Arbeiten der Studierenden begutachtet, individuelle Videokonferenzen durchgeführt sowie E-Mails und Fragen in den Kursforen beantwortet werden. Die Zeit ist jedenfalls gut angelegt, denn Lehre muss dem jeweiligen digitalen Medium angepasst sein, sonst kann gute Lehre zu schlechter Lehre werden. "Wir profitieren sicher langfristig von digital produzierten Lehrinhalten, dien den Studierenden auch zukünftig zum Vorbereiten und Wiederholen zugutekommen", erläutert die für Studium und Lehre zuständige Vizepräsidentin Iris Groß. Angebote in Mediendidaktik seien deshalb unerlässlich.

Selbst wenn die technische Umsetzung rund lief, fehlte doch etwas Entscheidendes: der direkte Kontakt mit den Studierenden, zumal viele bei Veranstaltungen Kamera und Mikrofon ausgeschaltet hatten. Unmittelbares Feedback, klar zu erkennende Reaktionen und Rückfragen fehlten. Manch ein Lehrender kam sich vor wie ein Radiomoderator. Ein Videoclip des Fachbereichs Angewandte Naturwissenschaften brachte es jüngst auf den Punkt: "Wir vermissen Euch!" lautete die Botschaft an die Studierenden.

Es war für die meisten trotz des erfolgreich vermittelten Stoffs ein trauriges Semester. Es fehlte die Fröhlichkeit des Miteinanders, es fehlte das Sprechen MIT den Studierenden, stattdessen sei es ein Sprechen ZU den Studierenden gewesen. In einer Präsenzveranstaltung kann der Dozent besser auf die Studierenden eingehen, sie abholen. Sieht man aber ihre Gesichter bei der Lehre nicht, lassen sich ihre Bedürfnisse und ihr Verständnis nicht erfassen. Diskussionen kommen über ein Konferenztool weniger in Gang. Was sonstige Interaktionen betrifft, ist die Spanne der Erfahrungen bei den Lehrenden sehr weit: Berichte reichen von "Konsumhaltung" bis zu einer "sehr lebhaften Beteiligung über die Chatfunktion" und "regen Diskussionen (digital) in Kleingruppen innerhalb der Veranstaltung". Darüber hinaus habe es oft einen "Daumen hoch" für die Online-Veranstaltungen gegeben - zum Beispiel, weil ein besonderer Gast eingebunden war, weil eine spielebasierte Lernplattform integriert wurde - und insbesondere, weil die Studierenden honorierten, wie und in welchem Umfang die Lehre weiterlief.

Das kommende Wintersemester wird voraussichtlich beides enthalten: Präsenzveranstaltungen mit kleinen Teilnehmerzahlen und digitale Formate. Eine vorhandene Skepsis gegenüber digitalen Lehrangeboten einiger ist einer größeren Offenheit gewichen. Das Handwerkszeug wird nun von der Mehrheit beherrscht und die Professorenschaft ist über sich selbst hinausgewachsen. Während im vergangenen Semester aufgrund der rasanten Entwicklung der Corona-Vorschriften der kreative Anteil zur optimalen Gestaltung zugunsten einer schnellen, kompletten Umstellung der Lehre zurückstehen musste, werden nun die Lehrangebote weiterentwickelt. Dafür kann auf den Erfahrungen des Sommersemesters aufgebaut werden. Das kam in der Umfrage deutlich zum Ausdruck.