Reaktion auf den Artikel „Flüchtlingsunterbringung muss den Bedürfnissen ALLER Einwohner gerecht werden“ (Veröffentlicht: 23. Oktober 2015)

In einer Jugendwohngruppe eines großen Jugendhilfeträgers in Bonn wohnen seit vielen Jahren 6 Jugendliche. Sie verbringen dort ihren Alltag und das große Haus mit den schrägen Wänden ist ihr Lebensmittelpunkt und ihr zu Hause. Seit September leben dort auch zwei jugendliche Flüchtlinge aus Afghanistan, die unbegleitet nach Deutschland gekommen sind. Gelegentlich schallt nun afghanische Musik durch das Haus, die sprachliche Kommunikation läuft mit Händen und Füßen, die Stammplätze am Essenstisch wurden umgeplant, die geliebten Zimmer mussten getauscht und teilweise zusammengerückt werden. Auch die Erzieher kümmern sich nun um 8 statt um 6 Kinder, und ganze Geburtstagsfeiern wurden verlegt, weil bürokratische Hürden verhinderten, dass sie beiden Jungs an der geplanten Aktion teilhaben können.

Das Interessante an dieser ganzen Geschichte ist, dass sich keines dieser Kinder und Jugendlichen bisher auch nur ansatzweise darüber beklagt hat, dass die alltägliche Situation nun eine andere ist und provisorische Lösungen aktuell an der Tagesordnung liegen. Auch für die Jüngste (10 Jahre) der Gruppe ist das alles völlig selbstverständlich, denn bei „Hussein und Khaled zu Hause in Kabul gibt es Bomben, und so´nen Kram“.

Nun fragt man sich doch, weshalb 10-Jährige den Ernst der Lage so gut verstehen, dass sie mit einer völligen Selbstverständlichkeit die eigenen Bedürfnisse hinten anstellen, während sich Fraktionsvorsitzende der CDU und Mitglieder der FDP darüber sorgen, wie wir Karneval feiern sollen, wenn die Mehrzweckhalle der Kleinstadt an Karneval von Flüchtlingen belegt ist. Zudem wird darüber spekuliert in wie weit das Vereinsleben darunter leiden könnte, wenn die Hallen und Vereinshäuser nicht mehr wie gewohnt für den Sportunterricht zur Verfügung stehen. Die Angst, dass Brauchtum und Vereinsleben „dauerhaft Schaden nehmen“ könnten liegt über der Sorge, dass eine junge Familie in den Wintermonaten ohne einem Dach über dem Kopf dar steht. Allein die Erwähnung dieser Tatsache innerhalb dieses spekulativen Artikels sorgt für eine gleiche Priorisierung der Existenzangst der Flüchtlinge und der möglicherweise bedrohten städtischen Vereine, sowie Brauchtümer. Diese Gewichtung ist eine derartige Degradierung der Menschenrechte dieser flüchtigen Menschen, dass man sich nur noch fragen kann, wo die Menschlichkeit in dieser Welt geblieben ist und wohin das noch führen soll.

Die Antwort auf die Frage wohin das alles führen soll ist relativ einfach zu beantworten: Zum einen natürlich zu einer höheren Wahlbeteiligung bei der nächsten Wahl. Denn indem man die nicht mal entstandenen Probleme den Bürgern in den Mund legt, kann man solange subtil für eine Gegenstimmung propagieren, bis nachher die kleinsten Probleme so hochgeputscht werden, dass am Ende unser friedliches Kleinstadtleben davon in Gefahr gebracht wird, dass man möglicherweise (um den Spekulationen an dieser Stelle treu zu bleiben) an der IhrPlatz Kasse 2 Minuten länger warten muss, weil Flüchtlinge vor einem an der Kasse stehen.

Zum Anderen macht man sich natürlich beliebt, wenn man unsere hochgelobte „Fünfte Jahreszeit“ und unsere Vereine beschützen will, denn wir alle mögen unsere Traditionen. Vielleicht hatten wir bis jetzt noch gar keine Angst um sie, denn alle Rheinbacher Jecken werden ganz sicher einen schönen Weg finden, um sie feiern, aber wenn wir nun vor Augen geführt kriegen, was eventuell für bedrohliche Kosten auf uns zukommen KÖNNTEN (soweit ich weiß musste bis jetzt noch kein Rheinbacher Bürger Extrazahlungen an Flüchtlinge leisten) heizt sich die Stimmung so richtig schön auf.

Wie wäre es denn, wenn wir unsere Scheuklappen abnehmen, über den Tellerrand hinaus schauen, und wahrnehmen, was die WIRKLICH wichtigen Themen sind? Wie wäre es, wenn man mit Offenheit, Toleranz und vor allem Unvoreingenommenheit den Aufgenommenen entgegen kommt und sich nicht schon im Vorhinein in den Sog einer Gegenpropaganda ziehen lässt? Wir würden feststellen, dass wir auch mit zuerst fremden Menschen Karneval feiern können, unsere Vereine sogar Zuwachs bekommen, und unser Brauchtum sich weiterentwickelt. Man muss sich nur trauen.

(Name der Verfasserin liegt der Redaktion vor.)