1 Eva Kraiss und Michael Baute brachten auch einander zum LachenLiterarisches Fensterputzen und Stimmakrobatik unter „Jungen Sternen“
Eva Kraiss, Michael Baute und „Dad’s Phonkey“ brillierten im Rheinbacher Autohaus RKH (Mercedes).

„Wenn ‚Rheinbach Liest‘ die Hände mit im Spiel hat, wird es immer kurzweilig“ vergab Kulturamtsleiterin und Glasmuseumsdirektorin Dr. Ruth Fabritius Vorschusslorbeeren an die Veranstalter der dritten Begleitveranstaltung zum Rheinbacher Doppeljubiläum „70 Jahre Glasfachschule und 50 Jahre Glasmuseum“.

Fabritius und die rund 100 Besucher von Gastgeber Axel Frey, Inhaber des Autohaus RKH, wurden diesbezüglich nicht enttäuscht, als es hieß „Ohne Probe ganz nach obe – Glas.Geschichten. Gesang“.

Der Bonner Vokalartist Christian Padberg alias „Dad’s Phonkey“ eröffnete mit einer Jazz-Improvisation die Bühne, die Veranstaltungsprofi Harvey Scherer (4events) inmitten hochglänzender Gebrauchtwagen der Sorte „Junge Sterne“ gebaut hatte. Das Besondere an Padbergs Kunst: Er benötigt für seine spontanen Arrangements in erster Linie seine Stimme, Mundpercussion, eine Loop-Station und kleine originelle Klangerzeuger, wie beispielsweise eine Handharfe. Den Rest erledigen seine musikalische Fantasie und sein Erfindungsreichtum in Sachen Sprachen. Padberg demonstrierte dem belustigten Publikum, welche Mundstellung es benötigt, um sein herrliches Kauderwelsch wie Spanisch, Englisch oder Bayrisch klingen zu lassen.
Anschließend war das Schauspielerduo Eva Kraiss und Michael Baute an der Reihe. Die beiden haben 2012 ein Leseformat entwickelt, das einfacher nicht sein könnte. „Sie geben uns Texte und wir lesen sie vor. Das ist schon der ganz Plan“, erklärte die ehemalige Schülerin des Städtischen Gymnasiums, was es mit „Ohne Probe ganz nach obe“ auf sich hat. Auf dem Tisch stapelten sich folglich Bücher, Selbstgeschriebenes und Fundstücke aus dem Internet, die wegen des besonderen Anlasses alle einen Bezug zum Thema hatten. Eine skurrile Mischung, die vom Uschi-Glas-Kochbuch, über Günter Grass‘ „Die Blechtrommel“ bis zum Lexikon-Eintrag zum Schlagwort „Glashütte“ reichte.

Ruth Fabritius hatte sich die Rezitation des Gedichts „Traum in Glas“ des Lyrikers Hans Stolzenburg aus dem Jahr 1941 gewünscht, das der Arbeit eines böhmischen Graveurs ein Denkmal setzt: „ […] Seine Hände, schmal und fein / wollen still im Glas die Seele / wecken, dass ihr lichter Schein / dem Kristall sich hell vermähle […]“. Eva Kraiss kann solch einem Text beim Sprechen die nötige Anmut geben, dann aber auch in den vermuteten rheinischen Tonfall der Nutzerin „Hummel“ verfallen, die auf der Internet-Plattform „Frag-Mutti“ den Tipp gibt, Essig ins Putzwasser zu geben. Kraiss besondere Stärke ist der Charme in der Interaktion mit dem Publikum. Ihr sympathisch-bescheidener Bühnenpartner Michael Baute, Schauspielkollege aus Wuppertal, zeichnet sich durch ein komisches Talent aus, das im Zusammenspiel mit Kraiss seine volle Wirkung entfaltet. Wer die beiden in Rheinbach erlebt hat, wundert sich nicht, dass „Ohne Probe …“ das Kölner Literatur-Café „Goldmund“ im vierzehntägigen Rhythmus füllt.

In der Pause wurden die Besucher aufgefordert, Vierzeiler und Zungenbrecher zu den Wörtern „Schrumpfschlauch“ bzw. „Schrumpfschläuche“ zu schreiben. Erklärung: Der neben RKH andere Unterstützer des Doppeljubiläums an diesem Abend, die „Shawcor DSG Canusa“ aus dem angrenzenden Gewerbegebiet, der mutmaßlich größte Arbeitgeber in Rheinbach, stellt genau diese u.a. im Automobilbau benötigten Schlauchverbindungen her, die sich bei Wärme zusammenziehen, eben „schrumpfen“. Nicht nur die Autoren im Publikum, wie Günter Detro und Irina Rostalski, ließen sich nicht lange bitten, viele Besucher griffen zu den bereitliegenden Stiften. So konnten Kraiss und Baute zur Freude des DSG-Canusa-Personalleiters Reinhard Wannovius und zahlreicher Belegschaftsmitglieder mit genau dieser Schrumpfschlauchlyrik beginnen, in der in Bautes überbordendem Ulk „die Schrumpfschlauchwochen zu Schrumpfpreisen (aber nur bei Mercedes und nicht bei Tiernahrung)“ ausgerufen wurden: „Schrumpfschlauchst du schon oder schrumpfschlauchst du noch …?“

Den Abschluss des unterhaltsamen Abends bildeten wieder die Improvisationen von „Dad’s Phonkey“ darunter, als Hommage an den Gastgeber, die gesangliche Verarbeitung des Textes aus einem RKG-Flyer sowie zum krönenden Abschluss ein Stück in Pseudo-Englisch, bei dem Padberg den Klang von sechs Gläser aus der Mercedes-Mitarbeiter-Küche in den Sound-Teppich webte. Faszinierend!

Die Organisatoren von „Rheinbach liest“ und dem Kulturamt sowie der im Hintergrund als Koordinator der Jubiläumsveranstaltungen wirkende Arnd Pötter von den „Freunden edlen Glases“ waren mit dem Verlauf von „Glas.Geschichten.Gesang“ hochzufrieden, „auch wenn nur ein Bruchteil der eingereichten Texte gelesen wurden. Da bräuchten wir noch vier Abende“. Die nächste Veranstaltung im Rahmen des Glas-Jubiläumsjahres findet am 4. September statt, wenn es in der Mensa der Glasfachschule bei „sinfonia di vetro“ zu einem einzigartigen Konzert auf Glasmusikinstrumenten kommt.

Eva Kraiss und Michael Baute brachten auch einander zum Lachen

1 Hundert Besucher genossen den Abend ohne Probe

Hundert Besucher genossen den Abend ohne Probe

 

 

 

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